Raum für Wesentliches entwickeln

von | Okt 7, 2018 | Partizipation, Lebensraumgestaltung | 0 Kommentare

In der Architektur bestimmen gewöhnlich Investoren und Bauträger die Architekturgestalt. Der Nutzer spielt zu oft eine untergeordnete Rolle. Dies ist im Grunde absurd, denn der Benutzer und das, was später in den Räumen stattfindet, sollten die Architektur maßgeblich bestimmen. Doch genau hierin liegt ein hohes Konfliktpotential. Denn es erfordert einen partizipativen Prozess, in dem unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichsten Vorstellungen und Erfahrungen aufeinandertreffen. Martin Riker ist Architekt und Innenarchitekt in Mainz. Im Gespräch mit der Potsdamer Architektin Andrea Schmidt beschreibt er seine Erfahrungen.

AS: Partizipation ist ein großer Begriff, der einen faszinierenden Hype erlebt, aber auch in viele unterschiedliche Richtungen interpretiert und angewendet wird. Was bedeutet für dich Partizipation?

MR: Partizipation ist kein Schlagwort oder Modewort. Partizipation ist die Grundlage für demokratische Prozesse in einer demokratischen Gesellschaft. Sie ist die Grundlage für ein eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Leben. Jeder, der an einer Sache beteiligt oder interessiert ist, sollte sich einbringen können. Und das vollkommen unabhängig von seiner architekturfachlichen Kompetenz; ganz einfach als Mensch mit seinen Lebenserfahrungen und Vorstellungen.

AS: Wir treten beide für mehr Menschlichkeit und Ganzheitlichkeit in der Architektur ein. In dem Sinne ist es fast logisch, dass der Benutzer, also der Mensch, der den Raum belebt, die Projektentwicklung mit bestreitet. Trotzdem gibt es im Verhältnis relativ wenige gemeinschaftliche Bauprojekte. Sie scheitern sehr oft an auftretenden sozialen Konflikten, die durch unterschiedliche Auffassungen, Charaktere und meiner Meinung nach auch Toleranzgrenzen entstehen. Wie schaffst du diese Hürde in deinen Projekten?

MR: Zunächst muss der Prozess selbst definiert werden und wie jeder sich in den Prozess einbringen kann. Wichtig ist zu klären welche Aufgabe, der Einzelne darin hat,. Dann ist eine durchgängige Beteiligung, je nachdem wie dies vorher definiert wurde, ohne Schwierigkeiten möglich. Diese Vorabklärung führt zu transparenten und offenen Prozessen. Und ist die Grundlage dafür, dass aus der Aufgabenstellung ein gemeinsames Ziel entwickelt werden kann. Mit diesen Voraussetzungen, mit diesem Ziel vor Augen, können auch Vorschläge, die zu Abwägungen oder zu Kompromissen führen, aus der Sache heraus von allen gut mitgetragen werden.
Deshalb ist es wichtig und fast schon Bedingung, dass aus der Aufgabe, die das Gebäude oder der Raum erfüllen muss, eine gemeinsame Vorstellung entwickelt und daraus die Ziele beschrieben und dokumentiert werden. Auf diese Weise erzeugt man besonders in schwierigen Situationen eine auf sachliche, vom Persönlichen getrennte Grundlage, auf der alle Entscheidungen getroffen werden können. Dies gilt sowohl für die Arbeit mit den Bauherren als auch mit den Fachkollegen.

AS: Was bedeutet das oder besser, welche Konsequenzen hat dieses Vorgehen in der Zusammenarbeit mit Fachkollegen?

MR: Die Zusammenarbeit mit Kollegen auf gleichen oder ähnlichen Fachkenntnisniveau verlangt ein hohes Maß an Achtung und Respekt vor der Arbeit des anderen. Jeder muss sich darüber im Klaren sein, welche Fähigkeiten er zum Gelingen des Projektes beisteuern kann. Vor allem, wenn starke Persönlichkeiten aufeinandertreffen, wird die Arbeit sonst entweder unmöglich oder aber sie beflügelt sich gegenseitig und führt zu Ergebnissen, die ohne diese Zusammenkunft und Teamplayerschaft nicht möglich gewesen wären.

Die Grundeinstellung zur Aufgabe des Gestaltens muss eine dienende sein. Der Architekt und Planer sollte mit seinen Fähigkeiten all das, was sich als Bauwille im Prozess zeigt in der Planung und im Bauwerk zur Erscheinung bringen.
In dieser Zusammenarbeit geht es nicht darum, sich selbst zu verwirklichen, sondern es geht vielmehr darum, aus dem gemeinsamen Ziel in der Arbeitsgemeinschaft eine sachgemäße Planung zu entwickeln.
Die soziale Kompetenz der Mitarbeitenden ist dafür natürlich eine grundlegende Voraussetzung.

AS: Wo entstehen am häufigsten Konflikte und wie werden sie in der Regel ausgeräumt?

MR: Konflikte entstehen immer dann, wenn Menschen in ihren eigenen Vorstellungen verhaftet sind und sich nicht auf die Frage nach den tatsächlichen, sich aus der Aufgabe ergebenden Bedürfnissen, einlassen können. Deswegen ist es so wichtig, den Prozess von Anfang an gut zu planen und zu führen.

AS: Kann ich mir den Prozess des gemeinsamen Erarbeitens wie ein Design Thinking vorstellen? Das Design Thinking fordert kollaborative Kreativität, um Probleme ganzheitlich und nutzerzentriert zu lösen.

MR: Ja, so kann man das ausdrücken. Hier ist es natürlich abhängig davon mit welchen Nutzergruppen man es zu tun hat.
– Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen muss man in ihre Welt einsteigen und viel stärker mit Bildern und Geschichten arbeiten. Man sollte in jedem Fall einen Zugang zu ihrer Welt finden. Da können zum Beispiel Erzieher mit ihrer Kompetenz eine große Hilfe sein.
– In der Arbeit mit Erwachsenen ist es wichtig, dass sich jeder als Mensch mit seinen Erfahrungen und Blickwickeln akzeptiert und toleriert fühlt. Dies geschieht, indem jeder Beitrag ernst genommen wird.
– Wichtig ist, dass sich durch die Arbeit im Kern ein Kraftfeld bildet, aus dem heraus in schöpferischer Weise die Lösungen für die Bauaufgabe sich entwickeln. Vor diesem Hintergrund können alle Aussagen gewichtet und bewertet werden.

AS: Kannst du anhand eines Beispiels den Prozess schildern? Wie sind die einzelnen Schritte? Wo liegen die Bedürfnisse?

MR: Ich möchte es am Beispiel eines Kinderheims, das wir vor einigen Jahren geplant haben, verdeutlichen: Die Grundlage für eine Planung ist in der Regel ein Raumprogramm mit Raumbezeichnung und Flächenangaben. Dieses erachte ich jedoch nicht als ausreichend. Wir müssen uns auch fragen, was im Gebäude geschieht und was die Aufgaben des Gebäudes sind. Wir müssen uns an den Bedürfnissen, die sich aus der geplanten Nutzung ergeben, orientieren und das Projekt erarbeiten und dokumentieren. Die Auseinandersetzung mit der Nutzungen führt zu einem qualitativen Raumprogramm, das mehr beinhaltet als nur Quadratmeter. Qualitäten der Räume und der Architektur werden dadurch definiert. Zu diesem Prozess können alle beitragen, die Kinder, die Erzieher, der Hausmeister usw.
Wir haben zu Beginn die Kinder, die dort wohnten, befragt, wie sie sich ihr Zimmer, ihr Zuhause vorstellen. Wir haben mit den Erziehern gesprochen, wie eine optimale Struktur in einem Kinderheim aussieht. Der Hausmeister hat über seine Probleme von Zerstörung und Wartung berichtet. Die Geschäftsführerin hat mit der Wirkung auf die Jugendamtsmitarbeiter und die Kalkulation der Pflegesätze ihre Gesichtspunkte eingebracht. Im Prozess haben sich dann aus verschiedenen Themen drei Begriffe herauskristallisiert. Es waren die Begriffe Schutz, Geborgenheit sowie Wärme. Diese waren sowohl für die Kinder, als auch für die Mitarbeiter als wesentlich empfunden und gewählt worden. Diese Themen wurden nun Grundlage für die Gestaltung, der Architekturgeste und Ausdrucksqualität. Zum Thema Wärme beispielsweise haben wir eine Aktion durchgeführt, in der die Kinder in einem 1: 20 Modell durch Aufkleben von verschiedenfarbigen Punkten die warmen, kalten und neutralen Zonen im Grundriss definieren sollten. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass wir sie direkt in unsere Planung übernehmen konnten. Im Wohn- und Essbereich wurden die Wände mit Wandstrahlungsheizungen versehen. So gab es viele Gesichtspunkte, die in die Planung mit einfließen konnten. Gesichtspunkte, die nicht ausgedacht, sondern aus der Sache heraus entwickelt wurden.

AS: Die Funktion des Planers ist dann zunächst eher einer des Mediators, Koordinators oder auch Organisators?

MR: Ja, die Funktion des Architekten ist dann wirklich zunächst die eines Mediators und Koordinators, der den Prozess organisiert und aber auch führt. Als Architekt muss man sich jedoch in dieser Situation stark zurücknehmen und seine eigenen Intentionen zunächst zurückstellen er muss ganz wahrnehmend sein und den Raum für Zukünftiges öffen.
AS: Wie erfolgt dann die Transformation eines solchen komplexen Prozesses in die Architektur?

MR: Wenn dieser Prozess gelingt, erlebt der Architekt und die Beteiligten eine Verdichtung von Informationen, Vorgaben undBildern. Aus dem Willen der Beteiligten entsteht ein Energiefeld, eine geistige Substanz, die sich dann in dem schöpferischen Akt des Entwurfes realisiert. Dabei ist es in jedem Fall notwendig, dass der Architekt seine Hausaufgaben gemacht und seine Fähigkeiten ausgebildet hat, so dass er in der Lage ist, die geäußerten Bedürfnisse auch qualitativ in Architektur umzusetzen. Er muss sich über die Wirkung von Architektur auf Leib, Seele und Geist bewusst sein. Dazu sollte er ein differenziertes Menschenbild haben. Er sollte verstanden haben, durch welchen Sinne welche Ebene der Architektur mit der menschlichen Wahrnehmung in Verbindung steht.

AS: Das ist dann der meines Erachtens spirituelle Aspekt des Entwurfs. Wenn das Wesenhafte von Mensch, Funktion und Ort zusammenkommt und in einen Entwurf mündet und letztlich im fertigen Bau zum Ausdruck kommt.
Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Verbindung von Außenraum, also die Umgebung und Innenraum, die ein Gebäude zwangsläufig hat, sich in der Verbindung von äußeren Bedingungen, Wünschen und Anforderungen und dem inneren Prozess des Entwurfs, nämlich dem von innen heraus Entstehenlassens, eine Symbiose findet.

Zur Vorbereitung unseres Gesprächs ermöglichtest du mir Einblicke in deine Rede, die du zur Einweihung des Kinderheimes gehalten hast. Mich hat dein persönliches Engagement sehr überzeugt, wie du hier die einzelnen Schritte auf dem Weg zur Umsetzung der Wünsche in die Architektur erläuterst und auch wie du erklärst, dass am Ende nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen konnten.
Letztlich ist es in diesem offenen Bauprozess eine völlig andere Rolle, die der Architekt innehat.
Eine letzte Frage noch: Welche Empfehlung würdest du Kollegen oder Baugruppen mit auf dem Weg geben wollen?

MR: Fangen Sie nicht gleich an zu planen. Nehmen Sie sich die Zeit, Wünsche, Vorstellungen und Bedürfnisse von allen Beteiligten anzuhören. Erläutern Sie den Menschen, dass eine Planung in jedem Fall eine geistige Grundlage benötigt, eine Idee. Ideen, Intuitionen werden einem dann geschenkt, wenn man sich mit der Sache intensiv auseinandersetzt.

AS: Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch.

Bildnachweis Webpage: Martin Riker


Der Artikel ist in der Ausgabe 91|92 von m + a erschienen. Mehr zum Thema Partizipation findest hier: PARTIZIPATION – Soziale Prozesse in der Architekturgestaltung